PD.Dr.Jean-Pol Martin
Universität, UA.Zi.240
85071 Eichstätt

9.Jg.Kontaktbrief Nr.59, 3. April 1995

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde,

Auch wenn ich verständlicherweise unser Projekt irgendwie "toll" finde, so hoffe ich, daß ich eine gewisse Distanz nicht verloren habe. Zumindest nicht die Distanz, die notwendig ist, um auch Rückschläge und Mißerfolge zu erkennen und zuzugeben. Andererseits sehe ich nicht, warum ich Erfolge nicht beschreiben sollte... Und wir befinden uns nun einmal seit einigen Jahren in einer anhaltenden Erfolgsphase!!!

Also:

Unsere Regionaltreffen waren diesmal stark besucht. Insgesamt kamen bundesweit 220 Kollegen zusammen, allein in Baden-Württemberg (Sinsheim und Göppingen) etwa 90. Die Methode LdL ist nicht nur allgemein bekannt, sondern sie scheint tatsächlich immer mehr Anwendung zu finden.

Interessant an dem Ganzen ist, daß wir nach wie vor keinerlei materielle Unterstützung bekommen und völlig selbstorganisiert sind. Dadurch sind wir auch völlig frei. Ich kann beispielsweise in diesem Brief schreiben, WAS ICH WILL (oder fast: ich möchte Sie ja als Teilnehmer nicht verlieren!).

Was meine persönliche Arbeit im Unterricht betrifft, so führe ich im vierten Lernjahr meine Klasse, die jetzt Leistungskurs geworden ist. Über diese Gruppe habe ich wiederholt berichtet (,Pièces évolutives", "Projekte in der 11.Klasse"). Vor zwei Wochen haben mir 4 Schülerinnen aus dieser Klasse den Höhepunkt meines bisherigen Didaktikerlebens verschafft: Auf der Tagung des Französischlehrerverbandes in Bamberg haben sie 90 Minuten lang völlig selbständig und auf Französisch mit 60 Kollegen gearbeitet. Sie haben meinen literaturdidaktischen Ansatz vorgestellt und mit den Teilnehmern an konkreten Beispielen eingeübt (Herausfinden von Epochenmerkmalen an Hand literariescher Texte). In der anschließenden - kontroversen - Diskussion mit den Lehrern konnten sie (immer noch auf französisch) meine Position (mit der gebotenen Distanz) vertreten und verteidigen. Ein Traum!!

Daß eine solche Qualität bei Schülern kein Einzelfall ist, können Sie am beigelegten Aufsatz von RUDOLF KELCHNER prüfen. Er zeigt, wie Schülerinnen - ebenfalls aus einem Leistungskurs in der Lage sind, selbständig und auf hohem Niveau die Interpretation von Gedichten anzuleiten und durchzuführen. Dieser Aufsatz ist insofern besonders interessant, weil er ergänzend zu unseren zahlreichen Dokumentationen über LdL im Anfangsunterricht oder in der Mittelstufe zeigt, was auf der höchsten Gymnasialstufe mit LdL zu leisten ist.

In dem Kuvert finden Sie ferner äußerst nützliche Ratschläge für den LdL-Unterricht, von MARGARETE RUEP für Schüler aller Stufen verfaßt (in diesem speziellen Fall im Realschulbereich, aber natürlich überall einsetzbar). Sie finden auch einen Feedback-Bogen von KARLHEINZ JOPP-LACHNER zum Einsatz für die Beurteilung des Lehrers durch die Schüler im LdL-Unterricht. Für den universitären Bereich hat MICHAEL MEYER (Uni Bamberg) eine knappe Anleitung für literaturwissenschaftliche Seminare mit LdL verfaßt.

Schließlich lege ich eine Ergänzungsliste bei, die die Namen der neuen TeilnehmerInnen oder eventuelle Änderungen enthält.

Mit den besten Grüßen und Erholungswünschen für die Osterferien

PS. Natürlich ist es vom Zufall abhängig, ob Sie gerade in der einen oder anderen Sendung etwas finden, was für Ihre Praxis nützlich ist. Das ist der Nachteil eines Kontaktsystems, das fächer- und schultypenübergreifend ist. Aber die Vorteile eines solchen übergreifenden Ansatzes überwiegen, denn meist bekommt man gerade aus fremden Bereichen besonders originelle Anregungen!